Texte

Ulrike Int-Veen

QUINTA ESSENTIA

Ausstellung im Städtisches Museum Kalkar

21.11.2010 bis 02.01.2011

„Quinta Essentia“ ist ein Begriff aus dem Lateinischen und bedeutete soviel wie das „fünfte Seiende“. In der Griechischen Philosophie wurde so ein „fünftes“ Element neben den vieren Erde, Luft, Feuer, Wasser beschrieben. Dieses „fünfte Element“  galt als Ursache und Ursprung der vier anderen. Der Begriff spielt bei den mittelalterlichen Alchemisten eine große Rolle. Hier wandelt er sich aber von einem eher ideellen Bergriff zu einem materialistischen: Mit der „Quinta Essentia“ versuchen sie Gold herzustellen. In der sprachlich eher bekannten Variante der „Quintessenz“ beschreibt er „das Wesentliche, das Hauptsächlichste“.

Die Ausstellung „Quinta Essentia“ ist für Ulrike Int-Veen der Abschluss einer über zwei jährigen Auseinandersetzung mit dem Ruhrgebiet. Eine Auseinandersetzung und künstlerische Reflexion über Materialien und Werkstoffe, die in der Geschichte des Ruhrgebiets von wesentlicher Bedeutung sind. Das sind Eisen, Glimmer, Kohle, Sand und Erz. Diese Materialien der traditionellen Schwerindustrie stehen im Mittelpunkt ihrer künstlerischen Arbeit. In über zwei Jahren sind zahlreichen Bilder entstanden, von denen sie heute eine kleine Auswahl sehen.

Die Malerei von Ulrike Int-Veen ist eine sehr spontane Malerei. In ihr treten Linien und Flächen in einen immer neuen Dialog. Zu Linien und Flächen kommen bei diesen Arbeiten die besonderen Eigenschaften der hier genutzten technischen Materialien.

Ulrike Int-Veens Malerei ist eine Malerei, die in verschiedenen Schichten entsteht. Hier werden frühere Arbeitsgänge wieder zugedeckt, so dass sie nur noch schemenhaft erscheinen oder fast zufällig wieder auftauchen. Sie sind zugleich immer Ansporn und Dialog im weiteren Arbeiten.

Da gibt es sehr flächige Passagen von lavierend, durchsichtiger Farbe bis zu pastos aufgetragener, fast schon reliefhafter Farbe oder diesen „anderen“ Materialien. Um diese Flächen spinnen sich immer wieder gestische Linien, die ganz aus dem Schwung der Bewegung entstehen. Sie werden mit Kreiden oder Pinsel gezogen. Die Linien können die Flächen umschreiben oder auch verbinden. Sie durchlaufen sie oder kontrastieren sie. Oder sie können ganz eigene Formen bilden. Es sind sehr expressive Linien, die zugleich immer etwas sehr fließendes, fast flüchtiges haben. Die Flächen wirken hingegen im Kontrast dazu eher wie Ruhepole.

Und hier setzt auch die Aneignung dieser fast alltäglichen, profanen Materialien ein.  Sie werden aus ihrem ursprünglichen Produktionsprozess herausgelöst und werden zum künstlerischen Material. Sie liefern die materiellen Eigenschaften, mit denen Ulrike Int-Veen dann arbeitet. Sie haben ihre ganz eigene Struktur und Farbe, ihre ganz eigene materielle Gesetzmäßigkeiten.

Schauen Sie sich diese Bilder einmal ganz non Nahen an. Schauen Sie ganz genau auf die Oberfläche der Bilder, sehen wir ganz raue Stellen, die aufgeworfen sind. Aber zugleich auch Stellen von einer ganz ungeheueren Leuchtkraft und Glanz. Oder von einer ganz eigenen Struktur, die den üblichen malerischen sonst eher fremd sind.

Diese Materialität, die Linien, die Flächen und die Farben schaffen in ihren Bildern eine ganz eigene Räumlichkeit. Einige der Bilder lassen vielleicht zwar noch landschaftliche Assoziationen zu, die Bilder sind aber in erster Linie Dokumente des Arbeitsprozesses. Hier sind oft fast inselartige Gebilde auf den sonst leeren Malgrund gesetzt. Sie beschreiben meist ein eher sehr labiles Gleichgewicht. Es ist ein dauerndes Hin- und Her, ein Sog in einen bildnerischen Tiefenraum, der immer wieder von scheinbar aus den Bildern drängenden Farben konfrontiert wird. Diese räumliche Unbestimmtheit hält die Bilder in einer dauernden Bewegung, ohne das sie eigentlich unruhig wirken. Denn es ist diese doch sehr  harmonischen Farbigkeit, die mögliche Bewegungen immer wieder bremst. In der Auseinandersetzung mit diesen industriellen Materialien bekommen Ulrike Int-Veens Bilder auch etwas sehr haptisches. Man möchte bestimmte Strukturen im Bild auch mal gerne anfassen. Diese Materialien verleihen den Arbeiten von Ulrike Int-Veen eine ganz eigene Plastizität neben der räumlichen Wirkung von Farben und Linien.

Ulrike Int-Veens Bilder leben ganz aus diesen Spannungen zwischen den  unterschiedlichen Elemente Linien, Farbe, Form und Materialität. Es sind sehr offene Kompositionen von einer ungeheueren Leichtigkeit. Ulrike Int-Veen reflektiert mit ihren Bildern die Geschichte des Ruhrgebiets. Nicht das sie die üblichen Geschichten von Bergleuten und Zechen erzählt, sondern sich eher auf die Stoffe konzentriert, die stellvertretend für den industriellen Aufstieg des Ruhrgebiets stehen und deren Ausbeutung letztlich auch zum industriellen Niedergang des Ruhrgebietes führten.

Während der „Kulturhauptstadt“ im Ruhrgebeit sit viel von einem Strukturwandel die Rede. In diese Bildern hat – für mich  – dieser Strukturwandel längst stattgefunden:  Aus industriellen Materialien wurde Kunst. Und was will man mehr?

© Dr. Falko Herlemann,   Herne

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